kardelen

Pauker Wörterbücher Übersetzungsforen Chat Vokabeln lernenDeutsch
letzte Änderung 04.11.2008
Seite empfehlen

Schneeglöckchen-Märchen

Hans Christian Andersen
Das Schneeglöckchen

Es ist Winterszeit, die Luft kalt, der Wind scharf, aber zu Hause ist es warm und gut; zu
Hause lag die Blume, sie lag in ihrer Zwiebel unter Erde und Schnee.

Eines Tages fiel Regen. Die Tropfen drangen durch die Schneedecke in die Erde hinab, rührten
die Blumenzwiebel an und meldeten von der Lichtwelt über ihnen. Bald drang auch der
Sonnenstrahl fein und bohrend durch den Schnee, bis zur Zwiebel hinab und stach sie.

"Herein!" sagte die Blume.

"Das kann ich nicht", sagte der Sonnenstrahl, "ich bin nicht stark genug, um aufzumachen;
ich bekomme erst im Sommer Kraft."

"Wann ist es Sommer?" fragte die Blume, und das wiederholte sie, so oft ein neuer
Sonnenstrahl hinabdrang. Aber es war noch weit bis zur Sommerzeit. Noch lag der
Schnee, und das Wasser gefror zu Eis - jede einzige Nacht.

"Wie lange das doch dauert! Wie lange!" sagte die Blume. "Ich fühle ein Kribbeln und Krabbeln,
ich muß mich recken; ich muß mich strecken. Ich muß aufschließen, ich muß
hinaus, dem Sommer einen 'Guten Morgen' zunicken; das wird eine glückselige
Zeit!"

Und die Blume reckte sich und streckte sich drinnen gegen die dünne Schale, die das Wasser
von außen her weich gemacht, die der Schnee und die Erde gewärmt und in die der
Sonnenstrahl hineingestochen hatte. Sie schoß unter dem Schnee empor mit einer
weißgrünen Knospe auf dem grünen Stengel, mit schmalen, dicken Blättern, die sie
gleichsam beschützen wollten. Der Schnee war kalt, aber vom Lichte durchstrahlt,
dazu so leicht zu durchbrechen, und hier traf sie auch der Sonnenstrahl
mit stärkerer Macht als zuvor.

"Willkommen! Willkommen!" sang und klang jeder Strahl, und die Blume erhob sich über den
Schnee in die Welt des Lichtes hinaus. Die Sonnenstrahlen streichelten und küßten sie,
bis sie sich ganz öffnete, weiß wie Schnee und mit grünen Streifen geputzt. Sie
beugte ihr Haupt in Freude und Demut.

"Liebliche Blume!" sang der Sonnenstrahl. "Wie frisch und leuchtend du bist! Du bist die erste,
du bist die einzige, du bist unsere Liebe! Du läutest den Sommer ein, den
schönen Sommer über Land und Stadt! Aller Schnee soll schmelzen, der kalte Wind wird
fortgejagt! Wir werden gebieten. Alles wird grünen! Und dann bekommst du
Gesellschaft, Flieder und Goldregen und zuletzt die Rosen; aber du bist die erste, so fein und
leuchtend!"

Das war eine große Freude. Es war, als sänge und klänge die Luft, als drängen die Strahlen
des Lichts in ihre Blätter und Stengel. Da stand sie, fein und leicht
zerbrechlich und doch so kräftig in ihrer jungen Schönheit. Sie stand in weißem
Gewande mit grünen Bändern und pries den Sommer. aber es war noch lang bis zur Sommerzeit, Wolken verbargen die Sonne, scharfe Winde bliesen über sie hin.

"Du bist ein bißchen zu zeitig gekommen", sagten Wind und Wetter. "Wir haben noch die
Macht. Die bekommst du zu fühlen und mußt dich dreinfinden. Du hättest zu Hause
bleiben und nicht ausgehen sollen, um Staat zu machen; dazu ist es noch nicht
die Zeit.

Es war schneidend kalt. Die Tage, die nun kamen, brachten nicht einen enzigen Sonnenstrahl;
es war ein Wetter, um in Stücke zu frieren, besonders für eine so zarte,
kleine Blume. Aber sie trug mehr Stärke in sich, als sie selber wußte. Freude und
Glauben an den Sommer machten sie stark, er mußte ja kommen; er war ihr von ihrer
tiefen Sehnsucht verkündet und von dem warmen Sonnenlichte bestätigt worden.
So stand sie voller Hoffnung in ihrer weißen Pracht, in dem weißen Schnee und
beugte ihr Haupt, wenn die Schneeflocken herabfielen, während die eisigen Winde über
sie dahinfuhren.

"Du brichst entzwei!" sagten sie. "Verwelke, Erfriere! Was willst du hier draußen! Weshalb
ließest du dich verlocken! Die Sonnenstrahlen haben dich genarrt! Nun sollst
du es gut haben, du Sommernarr!"

"Sommernarr!" schallte es durch den kalten Morgen, den "Sommernarr" heißt im Dänischen das
Schneeglöckchen. "Sommernarr" jubelten ein paar Kinder, die in den Garten
hinabkamen. "Da steht einer, so lieblich, so schön, der erste, der einzige!"

Und die Worte taten der Blume so wohl, es waren Worte wie warme Sonnenstrahlen. Die
Blume fühlte in ihrer Freude nicht einmal, daß sie gepflückt wurde. Sie lag in einer
´Kinderhand, wurde von einem Kindermund geküßt und hinein in die warme Stube gebracht,
von milden Augen angeschaut, in Wasser gestellt, so stärkend, so belebend. Die Blume
glaubte, daß sie mit einem Male mitten in den Sommer hineingekommen wäre.

Die Tochter des Hauses, ein niedliches kleines Mädchen, war eben konfirmiert; sie hatte einen
lieben kleinen Freund, der auch konfirmiert worden war; nun arbeitete er auf eine feste
Stellung hin. " Es soll mein Sommernarr sein!" sagte Sie. Dann nahm sie die feine
Blume, legte sie in ein duftendes Stück Papier, auf dem Verse geschrieben
standen, Verse über die Blume, die mit "Sommernarr" anfingen und mit "Sommernarr"
schlossen, das Ganze war eine zärtliche Neckerei. Nun wurde alles in den Umschlag
gelegt, die Blume lag darin, und es war dunkel um sie her, dunkel wie damals,
als die noch in der Zwiebel lag. So kam die Blume auf Reisen, lag im Postsack,
wurde gedrückt und gestoßen; das war nicht behaglich. Aber es nahm ein
Ende.

Die Reise war vorbei, der Brief wurde geöffnet und von dem lieben Freunde gelesen. Er war so
erfreut, daß er die Blume küßte, und dann wurde sie mit den Versen zusammen in
einen Schubkasten gelegt, worin noch mehr solcher schönen Briefe lagen, aber alle
ohne Blume; sie war die erste, die einzige, wie die Sonnenstrahlen sie genannt
hatten, und darüber nachzudenken war schön.

Sie durfte auch lange darüber nachdenken, sie dachte, während der Sommer verging und der
lange Winter verging, und als es wieder Sommer wurde, wurde sie wieder
hervorgenommen. Aber da war der junge Mann gar nicht froh. Er faßte das Papier hart
an und warf die Verse hin, daß die Blume zu Boden fiel. Flachgepreßt und trocken
war sie ja, aber deshalb hätte sie doch nicht auf den Boden geworfen werden müssen;
doch dort lag sie besser als im Feuer, wo die Ferse und Briefe aufloderten.
Was war gesehen? - Was so oft geschieht. Die Blume hatte ihn genarrt, es
war ein Scherz; die Jungfrau hatte ihn genarrt; das war kein Scherz, sie hatte sich
einen anderen Freund im schönen Sommer erkoren.

Am Morgen schien die Sonne auf den flachgedrückten keinen Sommernarren herab, der
aussah, als sei er auf den Boden gemalt. Das Mädchen, das auskehrte, nahm ihn auf und
legte ihn in eins der Bücher auf dem Tische, weil sie glaubte, daß er dort
herausgefallen sei, als die aufräumte und das Zimmer in Ordnung brachte. Und die
Blume lag wieder zwischen Versen, gedruckten Versen und die sind viel vornehmen als
die geschriebenen. wenigsten haben sie mehr gekostet.

So vergingen Jahre. Das Buch stand auf dem Bücherbrett. Nun wurde es hervorgeholt,
geöffnet und gelesen. Es war ein gutes Buch, Verse und Lieder, die er wert sind, gekannt zu
werden. Und der Mann, der das Buch las, wandte das Blatt um. "Da liegt ja eine Blume",
sagte er, "ein Sommernarr! Es hat wohl seine Bedeutung, daß er gerade
hierhergelegt worden ist. Ja, liege als Zeichen hier im Buche, kleiner Sommernarr!"

Und so wurde das Schneeglöckchen wieder ins Buch gelegt und fühlte sich beehrt und
erfreut, daß es als Zeichen von Bedeutung im Buche liegenbleiben sollte.

Das ist das Märchen vom Schneeglöckchen, dem Sommernarren.


Background.MyEm0.Com
 
Web pauker.at