Das spannende am Zugfahren ist die Tatsache, dass man jeden Tag neue Mitfahrer vor, hinter oder neben sich hat. Meistens ist es schön ruhig und man kann so den anstrengenden Arbeitstag in Gedanken revue passieren lassen oder sogar ganz abschalten. Nicht so heute! Zwei junge Damen die wohl den ganzen Tag zuhören mussten, setzen sich zu mir und schon beginnt eine Konversation, die mich eher an eine lang andauernde Maschinengewehrsalve erinnert. Müssen die denn nie schnaufen zwischen den Sätzen?

Transgender
Eigentlich Grund genug mich innerlich zu ärgern und diesen gewaltigen Wortschwall über mich ergehen zu lassen. Doch horch horch....über was reden denn die Beiden? Transgender ist das Thema. Tja, nun beginnt es in meinem Kopf zu arbieten. Was ist dass denn? Nie gehört, und dass zu Zeiten von Globalisierung und Internet. Armer cicci, es bleibt dir nichts anderes übrig als äusserlich desinteressiert und innerlich hochaufmerksam den Beiden zuzuhören.
Hmmm, es wird interessant die Eine holt ein Fotoalbum hervor und zeigt die Bilder der Anderen. Junger Mann, Dreitagebart in verschiedenen Posen, na ja, nichts besonderes denke ich mir. Doch Überraschung der Junge ist Sie selbst. Welch verblüffende Verwandlung und dann erfahre ich, dass Sie im Rahmen einer Studie zum Thema "Transgender" dieses Projekt durgeführt haben. Nun wirds interessant, denn die Damen erzählen von Ihren Erfahrungen als Mann wie es ist, wie wir Männer zu denken, zu sprechen. Sogar einen Tangokurs haben Sie besucht um in die Rolle des Machos zu schlüpfen.
Und dann wirds richtig amüsant, denn Sie zeigen Emotionen und die Erfahrungen müssen echt umwerfend gewesen sein, denn plötzlich erscheinen wir Männer in einem ganz anderen Licht und viele Folgerungen oder Verhaltensformen die Sie besprechen entlocken mir eine innere Zustimmung. Jede weitere Äusserung dieser beiden Damen bestätigt mir, wie schwer es doch ist, als Mann in dieser Zeit zu bestehen. Oh Gott, ich muss ja aussteigen!!! In aller Eile packe ich meine sieben Sachen zusammen und renne an zwei verdutzten Damen vorbei zum Ausgang. Ich schaffe es aus dem Zug zu springen. Ich werde beobachtet, vier Augen schauen aus einem Zugabteil und Sie haben einen Blick der nichts Gutes erahnen lässt. Ein breites Lachen folgt und die Bemerkung "die spinnen die Männer" ist mir wohl sicher.
Ich werde nun wohl öfters genauer hinhören auf meinen Zugreisen, aber ich muss noch herausfinden, wie ich rechtzeitig aussteigen kann!